Der Lehrplan der Berufsfachschule 1 sieht vor, dass die Schüler mit einer Schulstunde pro Woche im Fach "Stärkeorientierte Methode" unterrichtet werden. Nachdem wir uns also schon seit einigen Wochen mit unseren (vermeintlichen) Stärken beschäftigt hatten, teilte uns unsere Lehrerin mit, dass jeder von uns bis zum Ende des Halbjahres ein kleines Projekt vorstellen müsse. Üblicherweise würden die Schüler dann – ähnlich wie in einem Referat - ihren Wunschberuf präsentieren.

Zu Beginn des Schuljahres hatte jeder von uns einen Stärkebogen erstellt. Beim Betrachten dieser Bögen fiel unserer Lehrerin auf, dass die Interessen und Stärken der Schüler unserer Klasse sehr breit gefächert sind. Sie fragte uns deshalb, ob wir uns vorstellen könnten, einmal eine andere Art von Projekt durchzuführen. Zuerst waren wir skeptisch. Trotz vieler Diskussionen blieb das Lager zweigespalten: Die einen wollten, die anderen nicht. Letztendlich setzten sich jedoch die Befürworter durch.

Eine der Aufgaben war es, eine Umfrage zum Thema "Arbeitsunfall" an unserer Schule durchzuführen. Was sich anfangs nicht allzu schwierig anhörte, gestaltete sich im Laufe der Wochen jedoch zu einer Herausforderung, die nicht ganz so einfach zu bewältigen war, wie wir anfangs dachten.

Das Erstellen der Fragebögen war noch die leichteste Aufgabe. Schnell hatten wir uns auf eine bestimmte Anzahl an Fragen geeinigt und dachten, nun sei der wichtigste Teil des Projekts erledigt. Falsch gedacht!

Unsere Lehrerin verlangte von uns, dass sich jeder daran beteiligen müsse, die Fragebögen in den Klassen zu verteilen und wieder einzusammeln. Einige wollten das nicht, denn sie scheuten sich davor, vor fremden Schülern zu sprechen. Deshalb gab es dafür eine Vorbereitungsphase. Zuerst wurde überlegt, was wir sagen wollten. Der Text sollte nicht zu lang sein, aber doch alle wichtigen Informationen und Höflichkeiten enthalten. Immer wieder mussten wir vor die Tür, klopfen, eintreten und unsere Sprüche aufsagen. Bei manchen klappte es von Beginn an sehr gut, andere mussten öfter üben. Und dann kam der Tag X. Von unserer Lehrerin erhielten wir einen Stapel kopierter Fragebögen, und damit zogen wir los. Anschließend wurden noch Handynummern ausgetauscht, damit wir im Notfall unsere Lehrerin erreichen konnten, denn wir wurden auch an unsere Außenstellen (Kästnerschule und Maxstraße) geschickt.

Obwohl wir im Unterricht gestoppt hatten, wie lange man für das Ausfüllen der Fragebögen benötigt, stellte sich heraus, dass viele Schüler in der Praxis unsere Unterbrechung dafür nutzten, möglichst viel Unterrichtszeit zu vertrödeln. Unsere Lehrerin war entsetzt, als sie hörte, dass wir in manchen Klassen statt der geplanten 8 bis 10 Minuten ganze 25 benötigten! Kurzerhand entschied sie, dass wir den Fragebogen kürzen müssten. Da aber schon alle Kopien erstellt waren und aus Kostengründen keine neuen gemacht werden konnten, hieß das für uns: Fragen per Hand streichen – das war ganz schön viel Arbeit! Belohnt wurde der Aufwand aber damit, dass der zweite Durchlauf der Frage-Aktion wesentlich flotter von statten ging.

Getoppt wurde aber alles von der Auswertung der Fragebögen. Diese entpuppte sich als sehr arbeitsintensiv. Bereits im Vorfeld ermahnte uns unsere Lehrerin, sorgfältig zu arbeiten, denn Schlampereien bei Umfragen würden zu "Verfälschungen in der Statistik führen". Für diese Verfälschungen haben jedoch die befragten Schüler schon selbst gesorgt. Wir haben mit Entsetzen festgestellt, dass viele der Fragebögen überhaupt nicht sorgfältig ausgefüllt worden waren. Häufig wurden Ausbildungsberuf oder Alter nicht angegeben und oft passierte es, dass eine Frage gleichzeitig mit JA und NEIN beantwortet wurde. Aber nicht selten gaben Schüler auch absichtlich dumme Antworten, indem sie zum Beispiel nach der Geschlechterfrage weder männlich noch weiblich ankreuzten, sondern "beides" hinschrieben.

Schade, dass wir somit sicherlich nicht zu einem wirklich korrekten Ergebnis gekommen sind. Soweit es uns aber möglich war, haben wir die Antworten der Fragebögen trotzdem zusammengefasst. Im Anschluss einige interessante Ergebnisse:

Insgesamt hatten 149 der 435 befragten Schüler schon einmal einen Arbeitsunfall. Das ist mehr als ein Drittel und wir waren überrascht von der großen Zahl. Dass die meisten Schüler laut eigener Angabe selbst an den Unfällen Schuld waren, zeigt deutlich, dass es in der Ausbildung neben den theoretischen Inhalten auch noch einiges mehr zu lernen gibt: Nämlich auf die eigene Gesundheit zu achten! Anscheinend waren es aber in vielen Fällen eher kleinere Unfälle, denn der Großteil der Befragten gab an, nach dem Unfall weitergearbeitet zu haben. Wir deuten die Auswertung aber auch so, dass viele Auszubildende an ihrem Arbeitsplatz verantwortungsbewusst handeln. Denn die Frage, ob sie Arbeitsmittel schon einmal für etwas anderes als den dafür vorgesehen Zweck eingesetzt hätten, beantworte die Mehrheit mit Nein.

Die Liste der Arbeitsmittel, die zu Unfällen führten, ist sehr groß: Skalpell, Desinfektionsmittel, Spritze, Spiegel, Polymerisationslampe, Bohrer, Pinzette, Schere, Schneide- und Blistermaschine, PC, Messer, Stapler, Cuttermesser, Bagger, Schnürmaschine, Flex, Schaufel und elektrischer Hubwagen. Letzterer wird übrigens auch E-Ameise genannt, wie wir nun wissen.

Und was haben wir nun Wesentliches aus diesem Projekt gelernt?

  • Mehr Zeit einplanen
  • Sich im Vorfeld mehr Gedanken über die gestellten Fragen machen
  • Wenn wir selbst wieder einmal einen Fragebogen ausfüllen, sorgfältiger arbeiten

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